Port visit
KfH: Ich fahre heute nach Dunedin und komme Samstag Abend zurück. Außerdem Jede Menge Gefasel, was ich hier eigentlich so Treibe und warum ich hier bin.
Ich werde heute für den Rest der Woche nach Dunedin (sprich: Dah-nieh-denn) fahren. Warum? Nun, dazu muss ich erstmal kurz erklären was ich hier unten in Neuseeland eigentlich mache. Die Langversion liefere ich baldmäglichst nach. Vielleicht hat der eine oder andere von euch ja auch schon einen Blick in die Projektseminararbeit geworfen, aber vermutlich wird nicht mal das Euch wirklich weitergebracht haben. Wenn der Titel schon mit so philosophisch-exotischen Worten wie „Ontologie“ abschreckt, was soll man da noch vom Inhalt erwarten.
Also:
Ich konnte hier runterkommen, weil ein Professor von mir schon seit Jahren hier an der Uni Besuche macht und auch Vorlesungen hält und gerne eine Kooperation mit der Uni DuE aufbauen wollte. Die ganze Sache hat sich dann eeewig hingezogen, aber letztendlich bin ich hier zu ner sehr günstigen Zeit angekommen, weil grade ein Forschungsprojekt angelaufen war. Dieses Projekt wird von einem Institut an der Uni unterstützt, dass die Aufgabe hat, Kooperationen zwischen den Unis des Landes und der Wirtschaft aufzubauen, dem NZi3. Das Projekt wurde von einer Firma initiiert, und zwar der Jade Company, einer hier in Christchurch ansässigien Softwarefirma, die ein Datenbanksystem produzieren. Ein Produkt, was darauf aufbaut ist das Jade Master Terminal, eine Software zum Verwalten von Häfen im Allgemeinen und Containerhäfen im besonderen. Diese Software wird in verschiedenen Häfen (wohl „auf der ganzen Welt“) eingesetzt, unter Anderem auch im Port Chalmers in Dunedin, Otago auf der Südinsel, nicht allzu weit weg von hier. Offenbar läuft sie dort nicht besonders gut und effektiv und der ganze Hafenbetrieb ist nicht unbedingt reibungslos. Was ich verstehen kann, nachdem ich einen Blick auf JMT werfen konnte. Es schien mir ein sehr großes und mächtiges und umfangreiches System zu sein, im Grunde eine riesige Datenbank mit ziemlich vielen Formularen und Tabellen auf der Benutzerseite, also nicht unbedingt das, was man benutzerfreundlich, übersichtlich oder zugänglich nennen würde.
Das erwähnte angeleierte Projekt dient nun dazu, mit Wissen aus der Forschung der Unis dieses Programm irgendwie zu verbessern und damit natürlich auch die Abläufe im Hafen. Irgendwer hatte dabei wohl das Stichwort „Multiagentensystem“ aufgeschnappt, und sich gefragt, ob man das nicht benutzen kann, wenn es schon so schön klingt. Bisschen naiv? Kaum. Die ganze Sache hat sich offenbar schon etwas länger angebahnt, und so hatte mein Prof mir schon vor nem Jahr empfohlen, als Vorbereitung das Projektseminar zu verwenden und da eben „ein Multiagentensystem für einen Containerhafen“ zu entwickeln. Der Auftrag war so vage, und was üblicherweise der Tod für jedes kommerzielle Projekt ist, gibt einem in der „Forschung“ einige Freiheiten und Möglichkeiten. Ich konnte mich also gut in die Materie einarbeiten, herumexperimentieren, und nebenbei eine mindestens genau so wichtige relevante Materie für mich entdecken, die Ontologien. Mit dem Ergebnis bin ich ziemlich zufrieden (mein Prof offenbar auch, mitlerweile hab ich das Ergebnis: „Sehr gut“). Und das Programm, fas für das Projektseminar entstanden ist, war ein Prototyp von „einem Multiagentensystem für einen Containerhafen“, ganz wie gewünscht. Protoyp deshalb, weil man mit so wabbeligen Anforderungen von Null an, alleine, Teilzeit, experimentell und ohne echten Einblick in die Wissensdomäne (also: einen laufenden Hafenbetrieb) vereinfachen, annehmen und abstrahieren musste. Es stellte sich allerdings für mich zum Glück heraus, dass hier noch viel weniger in die Richtung passiert war und alle heiß auf mein „ContMAS“ waren.
Es schloss sich ein bisschen juristisches Hickhack an, weil es jede Menge Leute gibt, die Interesse an dem Projekt haben: Mein Prof, weil er eine Kooperation aufbauen und mit dem erworbenen Wissen hinterherher Drittmittel einwerben will, die University Caterbury aus ähnlichem Grund, die Jade Corporation weil sie Geld verdienen will und offenbar mit ihrem alten System nicht so ganz zufrieden ist, das NZi3 weil die ganze Sinnhaftigkeit des Kooperationsinstitutes in Frage gestellt wird und, ach ja, ich auch, weil ich gerne meinen Bachelor machen möchte. Es ging also um so Fragen wie wem das gehört, was ich hier so fabriziere: Der Uni DuE, der UC, Jade, mir? Bis das alles ausgetüftelt war, ging weitere Zeit ins Land, die ich aber dazu genutzt habe ContMAS in die Richtung weiter zu entwickeln, die mir sinnvoll erschien.
Das Projekt ist aber noch etwas größer: Es gibt noch einen PhD-Studenten, Thomas, der hier mit mir im selben „Lab“ sitzt, der seine Doktorarbeit über die Optimierung von Ladeplänen schreibt und dazu einen genetischen Algorithmus einsetzen will. Und auch einen Master-Studenten an der University of Otago in Dunedin, der seine Masterarbeit offenbar über die Optimierung von Kranbewegungen mit einer Tabu-Suche schreiben möchte. Obwohl er da schon länger dran arbeitet als ich, scheint er noch nichts produziert zu haben, was zeigenswert wäre (sagt er selbst). Außerdem sind die beiden Algorithmen jetzt nicht unbedingt neue Ideen und nicht nur mir ist nicht ganz klar, wie man sie mit der Grundidee eines Multiagentensystems in Einklang bringen kann. Aber deshalb heists ja „forschen“ und „wissenschaftlich arbeiten“. Alles in Allem gibt es also: Michael – den Kerl in Dunedin und seine zwei Betreuer (deren Rolle ich noch nicht recht durchschaut habe), Thomas und mich und unseren Betreuer Brent, meinen Prof in Deutschland, den Leiter vom NZi3 – Hamish, den Chief Technology Officer von Jade – Roger und dort noch einen „Projektleiter“ – Dave, von dem ich aber bisher noch das allerwenigste gehört habe. Sounds like fun? Quite!
Vor ein paar Wochen hatten wir eine kleine Webkonferenz, bei der ich mein inziwischen Weiterentwickeltes ContMAS nochmal gezeigt habe, seitdem schicken wir täglich Mails hin und her und diskutieren. Zwei Probleme gibts im Moment:
- Wie passen diese 3 recht verschiedenen Teile zusammen?
- Wie kann man den Leuten von Jade, die von Multiagentensystemen eigentlich keine Ahnung haben, zeigen, was da überhaupt passiert?
Das zweite Problem ist also eigentlich wieder ne völlig unabhängige Sache, denn da gehts im Grunde nur um irgendwas schickes buntes, was sich irgendwie über den Bildschirm bewegt „oder so“. Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was „Visualisierung“ in diesem Zusammenhang bedeutet. Klassischer Fall für Projektmanagement und Requirements Engineering, aber das ist nicht meine Rolle, ich hab genug damit zu tun ContMAS so weiterzuentwickeln, dass ich meine Bachelorarbeit darüber sinnvoll schreiben kann. Kommen wir damit zurück zu Problem Nr. 1, wie passt das alles zusammen, denn davon hängt ja ab, wie ich ContMAS weiterentwickele. Im Grunde genommen wird es wohl der Kern des Systems werden, das Ende Juni den Jade-Managern präsentiert werden soll. Die beiden Optimirungs-Algorithmen müssen da jetzt irgendwie eingepasst werden. Günstigerweise ist mein Teil ja am weitesten Fortgeschritten, also kann ich offenbar die größten Vorgaben machen, was die Sache für mich natürlich erleichtert. Trotzdem wirds noch ein bisschen Arbeit sein, diese drei Komponenten zu einer sinnvollen Gesamtkomposition zusammenzustellen. Aber das ist dann halt das Systems Engineering dabei.
Weil also die Kommunikation bisher weitgehend per E-Mail lief, keiner eigentlich so recht weiß was Micheal bisher fabriziert hat, ich den Hafen nur vom Hörensagen kenne und wir drei uns dringend zusammensetzen müssen, um die Integration unserer Teil-Projekte zu besprechen, fahre ich heute Nachmittag nach Dunedin.
Eigentlich ganz einfach, oder? 🙂
Thomas und ich fahren heute nachmittag mit dem Auto runter, morgen besprechen wir uns dann mit Micheal und seinen Betreuern, übermorgen ist ein Hafenbesuch im Port Chalmers und Thomas fährt wieder zurück. Wenn ich aber schon mal da bin, bleib ich noch Freitag in Dunedin und fliege erst Samstag Abend zurück, gerade rechtzeitig um zum deutschen Stammtisch zu gehen.
Ich wünsche Euch ne schöne Woche und bis bald!
Boah ey ! ! ! Kenn´ ich dich noch ? Das hört sich ja alles mega-toll an ! What so ever … I keep my fingers crossed – for ever and for always. Viel Spaß und Erfolg in Dunedin. Jetzt krame ich erstmal den Atlas raus und wälze Karten. Und danach ziehe ich – nach Anweisung – wikipedia zu Rate.
Küsse, Mama